著者
源河 達史
出版者
Japan Legal History Association
雑誌
法制史研究 (ISSN:04412508)
巻号頁・発行日
vol.2004, no.54, pp.61-80,en8, 2005-03-30 (Released:2010-05-10)

Die sichere Quellenbasis ist die Grundlage der modernen Historiogra-phie. Diesem Leitgedanke entsprechend ist die philologische Quellenfor-schung in den letzten Jahrzehnten stets eines der Hauptanliegen der historischen Kanonistik gewesen. Bezüglich des Gratianischen Dekrets war es ein Aufsatz Kuttners, der die Grundlage dafür bildete. In seinem 1948 erschienenen Aufsatz De Gratiani opere noviter edendo hat Kuttner aufgrund seiner enormen Kenntnisse über die Dekrethandschriften die Schwäche der Standardedition, der Edition Friedbergs, in concreto auf-gezeigt and gleichzeitig die Historiker des kanonischen Rechts aufgefor-dert, ungeachtet der Schwierigkeiten der Zeit eine neue kritische Aus-gabe hervorzubringen.Seitdem ist es allgemein bekannt, class die Edition Friedbergs fehler-haft ist and keine kritische Ausgabe darstellt. Trotzdem ist die Frage, ob man sich wirklich an eine erneute Editionsarbeit machen sollte, nicht unumstritten. Zwar wollen auch diejenigen, die die Friedbergsche Edition fur befriedigend halten, damit nicht behaupten, dass these Edition eine kritische Ausgabe darstelle. Sie behaupten nur, class die neue Edition aller Bemühungen zum Trotz keinen großen Unterschied zur Edition Friedbergs aufweisen würde. Es handelt sich also nicht um einen theoreti-schen Anspruch, sondern nur um eine praktische Lösung. Wenn sich aber eine "kritische" Edition als kaum anders erweisen sollte als eine nicht "kritische" Edition, wird der große Aufwand an Zeit and Kraft in die Editionsarbeit zwangsläufig in Frage gestellt.Wenn man trotzdem auf einer neuen Edition bestehen will, dann muss man sich zuallererst über den entscheidenden Unterschied klar werden, der zwischen einer "kriti-schen" und einer nicht "kritischen" Edition bestehen soil. Die Frage lautet, ob man in diesern Zusammenhang überhaupt von einer communis opinio dazu sprechen kann.Zur Beantwortung dieser Frage wird ein Blick auf die Debatte urn die editio romana als Basistext der englischen Übersetzung wohl nützlich sein. Die von Christensen getroffene Wahl wurde von Weigand harsch kritisiert. Daran dürfte man erkennen können, dass es sich bezüglich des Unterschieds zwischen einer "kritischen" and einer nicht "kritischen" Edition selbst unter den besten Kennern urn unterschiedliche Konzep-tionen handeln kann, zumal die Voraussetzungen, die eine "kritische" Ausgabe erfüllen soll, als wesentliche Kriterien für die Auswahl des Basistextes anzusehen sind.Deshalb muss die folgende Frage erneut gestellt werden: Was bedeutet das Epitheton "kritisch" nach dem modernen wissenschaftlichen Begriff? Beim Versuch, these Frage zu beantworten, geht die vorliegende Studie von der klassischen Frage der Textkritik aus, nämlich, der Frage nach der Richtigkeit einer Lesart. Der Ausgangspunkt ist dabei eine Rubrik (Summarie) Gratians, für die es in der handschriftlichen Überlieferung gewichtige Varianten gibt.In der Friedbergschen Edition des Gratianischen Dekrets lautet die Rubrik von C.15 q.1 c.8: Inobedientia uel concupiscentia non habet culpam in corpore non consentientis. Einer Fußnote Friedbergs zufolge kommt für das letzte Wort dieser Rubrik (consentientis) die Variante sentientis in vier Handschriften (BDEH) vor. Da Friedberg bei seiner Editionsar-beit acht Handschriften (A-H) heranzog, müßte in den anderen vier Handschriften (ACGF) die Lesart consentientis vorkommen, and weil er die zwei Kölner Handschriften A and B für die besten hielt, liegt die Vermutung nahe, dass Friedberg sich bei seiner Wahl der Lesart haupt-sächlich auf den Zeugen von A stützte.